Freitag, 9. Januar 2009 |
Dass BarCamps selbstorganisierte Konferenzen zu Themen aus dem Computer- und Netzumfeld sind, muss man offenbar nicht mehr erklären. So wie "Weblog" noch 2004 ein erklärungswürdiger Begriff war, den 2007 längst jeder verstand, so sind BarCamps im deutschsprachigen Raum inzwischen allgemein bekannt – zumindest bei den Leuten, die irgendwie mit IT und Online zu tun haben.
Seit drei Jahren nun werden BarCamps in Deutschland durchgeführt. Daher lohnt sich ein Blick auf das Phänomen, seine Pluspunkte und eventuell vorhandene kritische Aspekte. Dies soll im Folgenden geschehen, auch angesichts eines drohenden Abwärtstrends im Onlinebusiness.
An sich ist es heute kein Problem, jedes Wochenende bei einem BarCamp oder BarCamp-artigen Event zu verbringen. Vor allem, wenn man den gesamten deutschsprachigen Raum berücksichtigt. Neben den thematisch uneingeschränkten normalen Camps – wie sie zuletzt in Berlin, München und Stuttgart stattfanden – gibt es Mischformen wie das Convention Camp in Hannover. Daneben werden auch spezifische Themencamps abgehalten, wie das WordCamp (WordPress), das artCamp (Kunst und Netz), das Typo3Camp (CMS) oder auch verschiedenste Social-Community-, Edu- und TourismCamps.
Festzuhalten bleibt, dass der internationale Trend zu Themencamps auch in den deutschen Sprachraum geschwappt ist. Weltweit betrachtet, hat sich die Veranstaltungsform BarCamp längst schon bis nach Kambodscha und Madagaskar ausgebreitet.
Die Regionalisierung und Themenzentrierung der Camps sowie ihre große Zahl hat zwei Seiten. Während es dem Einzelnen inzwischen unmöglich ist, bei jedem Camp anwesend zu sein, so hat diese Entwicklung immerhin dafür gesorgt, dass die Zahl der "Erstcampbesucher", beispielsweise in Offenburg, Friedrichshafen, Stuttgart und München, jeweils deutlich über 30 Prozent und gelegentlich sogar im Bereich von 50 Prozent liegt. Und wie man aus den einschlägigen Blog-Beiträgen schließen kann, dürften die meisten davon nicht auf ihrem letzten Camp gewesen sein.
Kurz gesagt: Das Wachstum ist exorbitant, und was manchen als "Problem" erscheinen mag – die hohe Camptermindichte –, ist letztlich der Motor des Erfolgs.
Was zwischendurch zu Kritik führte: Das unaufhörliche Geblitze und Geflickere, ein ständiges Gepitche von Startups, hat sich zwischenzeitlich abgeschwächt. Und auch die Businessfraktion hat gelernt, wie man bei BarCamps auftreten sollte: mit Fachbeiträgen, die zeigen, dass man nicht nur Businesspläne schreiben kann, sondern auch etwas auf dem Kasten hat, was man mit anderen zu teilen bereit ist.
Eine interessante Entwicklung zeigte sich beim BarCamp München 2. Am gleichen Ort hatte kurz zuvor das mit einigem Schulterzucken bedachte Frauen-BarCamp stattgefunden. Die Folge war eine – von mir jetzt mal behauptete, zwar eher gefühlte, aber in Gesprächen mehrfach angeklungene – Steigerung der Frauenquote, auch auf dem anschließenden Event.
Derartiges – zu dem auch die "Girl Geek Dinner" im Umfeld von Camps und anderen 2.0-Events zählen – dürfte dazu führen, dass sich das Phänomen der "HerrenCamps" bald erledigt haben dürfte. Was hierzulande noch utopisch scheint – eine Frauenquote um die 50 Prozent – konnte ich bei einem Event im östlichen Serbien bereits erleben. Eine Tendenz die sicher auch der thematischen Breite von BarCamps gut tun wird.
Natürlich ist die Qualität von Beiträgen auf BarCamps immer noch gemischt. Aber das ist auch bei beliebigen anderen Events die Regel. Dass man auch rausgehen kann, führt schnell dazu, dass die Qualität zumindest für den Einzelnen wieder steigt. Die Mundpropaganda bewirkt zudem, dass man zwei oder drei Highlights unter den manchmal täglich 30 bis 50 Sessions mitbekommt (Interessantes gibt es sicherlich noch mehr, aber man kann ja nur zu einer Zeit in einem Raum sein).
Größe ist Geschmackssache – und wenn man die organisatorisch sinnvolle Vollverpflegung anbieten will, auch eine Finanzfrage. Denn das Essen ist und bleibt neben den Räumlichkeiten der größte Geldposten. An sich tut es dem Event aber keinen Abbruch, wenn sich bei größeren Camps 400 Leute treffen und bei kleinen Themencamps 20 oder 50. Regionalcamps sind auch mit 80 bis 100 Leuten eine schöne Sache.
Woran es aus einer – und nicht nur meiner – Sicht noch mangelt, ist eine Internationalisierung der deutschen BarCamp-Szene. Lediglich die BarCamps Berlin 2 und 3 haben es mit ihrer Positionierung im Umfeld eines internationalen Events geschafft, auch internationale Besucher anzulocken. Das BarCamp München 1 hatte die Attraktivität des Oktoberfests für internationale Geeks scheinbar nicht ganz richtig eingeschätzt: Einen merklichen Zustrom gab es nicht, eher Kritik aufgrund der hohen Übernachtungspreise während der Wies'n.
Die Bereitschaft, BarCamp-Wikis gleich (oder parallel) auf Englisch aufzusetzen und die terminliche aber überschneidungsfreie Nähe zu internationalen Events zu suchen, würde hier sicher weiterhelfen. Themencamps mit europäischem, transatlantischem oder gar globalem Fokus könnten ebenfalls zur Internationalisierung der BarCamps auf deutschsprachigem Boden beitragen. Erste Versuche dazu gab es in Österreich.
Muss es immer ein Wochenende sein? Manche Räumlichkeiten stehen nur dann zur Verfügung, viele der noch nicht ganz zur Digitalen Boheme übergelaufenen können sich nur dann „freimachen“. Während Wochenendcamps eher mit den Familieninteressen der im Schnitt ja eher etwas reiferen Camper kollidiert, stehen unter der Woche den Camps oft berufliche Verpflichtungen und Termine entgegen. Hier wird sich zeigen, ob sich bestimmte Formate wie der Hannoveraner Hybrid Convention Camp auch unter der Woche etablieren können. Die, die zu Wochenendcamps sonst nicht kommen können oder wollen, waren jedenfalls auch nicht in Hannover.
Oft gewünscht und noch häufiger gelobt wird, wenn per Video dokumentiert wird. Das aber ist weniger die Bringschuld des Orga-Teams als die der Teilnehmenden, denn Mogulus und BlogTV stehen ja jedem als Kanäle und Archivort zur Verfügung.
Parallel zur Finanzkrise sehen einige die Startup-Szene schon abrutschen. Auch die Budgets von größeren Firmen dürften schrumpfen. Ist das dann auch das Ende der BarCamps, mit Flatrate-Catering zum Nulltarif und Freibier zur Party? Ein BarCamp im Elsaß war nach Auskunft der Macher auch schon für unter 400 Euro am Tag (für 80 Leute) zu "haben". Der lokale Technikpark stellte kostenlos ein paar Räume, eine Internetagentur spendierte ein paar Croissants und Kaffee zum Frühstück, Wasser, Softdrinks und Sandwiches zu Mittag und die Abendparty ging auf eigene Kappe. Da sind dann am nächsten Tag eben alle auch schon eher zum Frühstück da.
An sich ist der ideale Camport der Campus einer größeren Firma oder einer Bildungsinstitution, wo Kantine und Besprechungsräume mit WLAN und Beamer ohnehin vorhanden sind. Wie jemand einmal vorgerechnet hat, ist für größere Firmen ein BarCamp selbst bei Kosten von 2000 bis 5000 Euro und einem halben Dutzend Leuten, die man in die Sessions zum Zuhören schickt, immer noch die günstigste Art der innovationsnahen Fortbildung und Marktforschung, die man sich denken kann. Von Mitarbeitergewinnung reden wir da gar nicht erst. Und gerade eine Rezession wird sich eher mit kostengünstigem Zugang zu Innovationen kompensieren lassen – oder wann ist Google groß rausgekommen?
Größere BarCamps eignen sich für manche Startups – je nach angebotenem Dienst – sicher auch als Marketingplattform. Den Bekanntheitsgrad, den beispielsweise der Videoanbieter Hobnox bei der (nicht campigen) re:publica 2008 erlangt hat, wäre sicher auch bei dem BarCamp Berlin 2 schon erreichbar gewesen – aber dafür gleich international.
Also: BarCamps gehen auch in "billig", hängen nicht allein von den kleineren Startups ab und bieten klare und im Kern gerade für größere Firmen geldwerte "Unique Selling Points". Nicht umsonst denkt der eine oder andere Messestandort längst darüber nach, barcampoide Veranstaltungsformate in ihre Messen zu integrieren. Wenn da nur nicht die Hotelpreise zu Messezeiten wären. Na, dann bauen wir halt in einer der leeren Hallen Zelte auf.
In Frankreich gibt es bereits Pläne und konkrete Schritte, die an das Open-Space-Format angelehnten BarCamps auch in den Bereichen Chemie, Öffentlicher Nahverkehr und Automobilindustrie einzusetzen. Ob diese "anderen Geeks" das Konzept des offenen Teilens von Wissen auch so schnell begreifen, wie die Onliner, ist zwar fraglich, aber auch dort werden sicher genügend Leute verstehen, dass sie von einem solchen Austausch massiv profitieren – inhaltlich und menschlich.
Gerade durch die Themencamps und die Lokalisierung von Camps verbreitet sich das Konzept so sehr, dass es über kurz oder lang gar nicht anders kann, als in den Mainstream zu schwappen und sich von den rein „netzgeekigen“ Ursprüngen zu emanzipieren. Und außerdem sollten wir endlich das Thema SchoolCamps angehen, in denen sich junge Menschen gegenseitig ihre Welten nahebringen.
Oliver Gassner